Ein Blog über Bücher und Schreiben

Lektorat – die Schönen und die Verdammten

Was ist das und kann man das essen?

Ein Lektorat ist mehr oder weniger das beste, was einem Buch passieren kann. Als Autorin bin ich nach schreiben und fünfmal lesen betriebsblind. Rechtschreibfehler sehe ich schon lange nicht mehr, krumme Formulierungen fallen mir nicht auf … Und hin und wieder FALLEN sie mir auf, aber ich weiß einfach nicht weiter. Auch die Testleser haben schon einmal gelesen und noch ein bisschen mehr Kram gefunden.
Auftritt … Lektorat! Ich bin Verlagsautorin, deswegen wird mir eine Lektorin/ein Lektor zugewiesen. Ich kann Wünsche äußern oder Empfehlungen aussprechen und oft schauen Verlage auch, dass dieselben Leute zusammenbleiben – vor allem, wenn das gut zwischen ihnen funktioniert hat. Ich hatte bis jetzt immer nur LektorINNEN, deswegen bleiben wir bei der weiblichen Form 😉
Meine Lektorin bekommt das fertige Manuskript zugeschickt und liest es sich sehr aufmerksam durch. Seeeehr aufmerksam. Wirklich. Sehr aufmerksam. Meistens habe ich mindestens zwei Durchgänge. Im ersten Durchgang achtet meine Lektorin auf alles Inhaltliche. Also, Unklarheiten, Hände, die wild in der Gegend rumfliegen und Plotholes. Dann bekomme ich das Dokument zurück, überarbeite alles (oder stelle Gegenfragen) und schicke es wieder meiner Lektorin. Danach überarbeitet sie den Stil: Wortwiederholungen, Formulierungen etc. Das Spiel geht wieder von vorne los und am Ende landet das Manuskript dann im Verlag, wo erst Korrektorat und dann Satz übernehmen – und schon halten wir ein Buch in den Händen.

Die Schönen

Ihr seht also: Ein Lektorat ist wahnsinnig wertvoll. Es holt aus einem Buch nochmal alles heraus und hübscht es für die Leser_innen auf. Denn: Ich kenne alle Hintergründe. Mir ist alles glasklar. Euch nicht. Und deswegen muss meine Lektorin für euch einspringen. Manchmal ist das wahnsinnig bitter und anstrengend, weil man stundenlang über den gleichen Formulierungen grübelt. Und ich noch zusätzlich das Problem habe, nicht selbst Teil der Zielgruppe zu sein und generell ein sehr merkwürdiges Leseverhalten habe. Von daher gehen mir manche Änderungen echt gegen den Strich, aber ich weiß auch: Meine Lektorin weiß es vermutlich besser – und will mir nichts Böses. Oft hilft da durchatmen und später wieder dransetzen.
Aber oft läuft es auch echt gut. Gerade, wenn ich merke: Hier hat sie verstanden, was ich sagen wollte! Und wenn wir beide die Geschichte gleichermaßen mögen und noch in den Kommentaren kleine Unterhaltungen darüber führen. Auch Scherze oder ein „Super!“ sind für mich sehr aufbauend und lockern so eine Lektorats-Atmosphäre immer auf.

… und die Verdammten

Wie gesagt: Meistens hat die Lektorin recht. Aber manchmal gibt es Stellen da merke ich: Wenn ich das jetzt ändere, ist das nicht mehr mein Buch/mein Text. Dann spreche ich mit meiner Lektorin darüber oder sage ihr, dass ich das nur ungerne ändern möchte. In der Regel findet man dann eine Lösung, mit der alle leben können – und hin und wieder kommt ein Änderungsvorschlag auch nur zustande, weil etwas falsch verstanden wurde aka weil es unklar ausgedrückt war. Das lässt sich schnell ändern.
Aber so, wie man nicht alle Menschen mögen kann, kann das auch mal bei einem Lektorat der Fall sein. Entweder passt es zwischen Autorin und Lektorin nicht, oder auch zwischen Lektorin und Text. Letzteres ist für mich besonders ärgerlich, weil sich das in den Änderungen niederschlägt. Im besten Fall bleibt so eine Zusammenarbeit natürlich trotzdem professionell und die Lektorin und Autorin machen einfach ihren Job weiter. Ich habe es aber auch schon anders erlebt und dann kann ist das Lektorat wirklich eine Qual.
Was da hilft? Mit dem Verlag sprechen. Ich habe eine feste Ansprechpartnerin, die immer ein offenes Ohr für mich hat und mich damals sehr unterstützt hat. Im Endeffekt habe ich nicht viel von den Änderungen umgesetzt und dabei immer wieder Rücksprache mit meiner Betreuerin und mit Freundinnen gehalten, um nicht selbst von meiner eher negativen Haltung beeinflusst zu werden.

Fazit

Ein Lektorat ist unglaublich wichtig und ich würde es niemals missen wollen, auch wenn es viele Nerven kostet. Mit der richtigen Lektorin, und der richtigen Einstellung bei sich selbst!, kann man viel aus dem eigenen Text herausholen.
In den meisten Fällen wird eine Lektorin auch recht haben, das ist quasi ihr Job 😉 Sie kennt sich mit der Zielgruppe aus und ist als Vermittlerin zwischen Autorin und Lesern_innen tätig. Also: Hört auf eure Lektoren!
Aber hört auch auf euer Bauchgefühl. Euer Name steht am Ende fett auf dem Buch drauf. Ihr müsst euch für den Inhalt „verantworten“ und das wird schwierig, wenn ihr mit ihm nicht zufrieden seid.

2 Kommentare

  1. Finley

    Gerade über die Schreibnacht diesen wunderbaren Blog von dir gefunden! Die Artikel gefallen mir super und als (noch? ^^) Outsiderin im Verlags-Veröffentlichungs-Game triffst du genau meine Interessen.
    Ich habe lange mit einem Studenten des Literarischen Schreibens zusammengewohnt und dort ist eines der wichtigsten Dinge, die den jungen Schreiberlingen beigebracht wurden, gewesen: Nimm alles ernst, was deine Lektorin dir gibt, denk niemals, dass du über den erfahrenen Profis stehen würdest. Es gab jahrelange harte Übungen darin, vernichtende Kritik annehmen zu müssen. Also fair und höflich, aber für überambitionierte, selbstüberzeugte Leute natürlich manchmal vernichtend empfunden. Beispielsweise Gesprächsrunden im Kurs, in dem die Gruppe einen Text bespricht, ohne dass die Autorin selbst sich äußern darf. Einfach annehmen und überlegen, was damit zu tun sei. Das unprofessionellste in der Literaturbranche, galt dort, sei es, Kritik am Text abzulehnen, sich zu rechtfertigen und Dinge persönlich zu nehmen, ein „Turn-Off“ für professionelle Lektorinnen, Verlage usw.
    Wie du auch sagst, natürlich muss man ehrlich sagen können, was man selbst über seinen Text denkt, manches muss einfach so, wie man es will. Aber ich finde diese Übung, Kritik anhören zu müssen, ohne dazwischensprechen zu dürfen, eine schöne Metapher für produktiven Umgang mit einem Lektorat.

    • Tintendrache

      Oh, vielen Dank dir! Das freut mich total zu hören <3!

      Also ... Ich sehe das so: Im Prinzip stimmt das. In der Theorie ist das auch alles super einfach und klar und nachvollziehbar. In der Realität ist es schwierig und man muss seinen Weg finden, mit Kritik umzugehen. Ich lese zum Beispiel kaum Rezensionen, außer von Bloggern, die Rezensionsexemplare von mir bekommen haben (weil ich das sonst sehr unhöflich fände). Rezensionen sind in der Regel auch nicht für die Autoren gedacht und negative Rezensionen sind in den meisten Fällen weder fair noch höflich, geschweige denn konstruktiv 😉
      Auf meine Lektorin höre ich selbstverständlich. Der geschilderte negative Fall war aber auch sehr extrem. Meine Lektorin hat mich persönlich angegriffen, hat Fakten verdreht und öffentlich (ohne meinen Namen natürlich) über meinen Text gelästert. Außerdem hat sie Fehler eingebaut und Änderungen vorgenommen, ohne diese entsprechend für mich zum Überprüfen zu markieren. Die Anweisung, nur noch das umzusetzen, was ich möchte, kam vom Verlag selbst - was alles über das Lektorat aussagt, was es auszusagen gibt 😉

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