Ein Blog über Bücher und Schreiben

Monat: Juni 2020

Girls of Paper and Fire – Natasha Ngan

Inhalt:
In this richly developed fantasy, Lei is a member of the Paper caste, the lowest and most persecuted class of people in Ikhara. She lives in a remote village with her father, where the decade-old trauma of watching her mother snatched by royal guards for an unknown fate still haunts her. Now, the guards are back and this time it’s Lei they’re after — the girl with the golden eyes whose rumored beauty has piqued the king’s interest.

Over weeks of training in the opulent but oppressive palace, Lei and eight other girls learns the skills and charm that befit a king’s consort. There, she does the unthinkable: she falls in love. Her forbidden romance becomes enmeshed with an explosive plot that threatens her world’s entire way of life. Lei, still the wide-eyed country girl at heart, must decide how far she’s willing to go for justice and revenge.

Verschenktes Potenzial

Ich hatte mir viel von dem Buch versprochen. Lesbische Young Adult Fantasy, und die Protagonistin Lei erlebt eine Erfahrung, die Marlowes recht ähnlich ist. Es gibt sogar eine Triggerwarnung im Buch und ein Vorwort dazu, was ich sehr lobenswert finde. Theoretisch gesehen.
Der Einstieg fiel mir wahnsinnig leicht. Die ersten 190 Seiten habe ich am Stück gelesen und das Buch dann nur widerstrebend weggelegt – im Nachhinein hätte ich es besser an einem Stück gelesen denke ich. Aber der Reihe nach.

Die Figuren: Lei ist eine ziemlich typische Young-Adult-Heldin. Sie ist aufmüpfig, verurteilt andere schnell, ist tollpatschig, vergeigt durch ihre impulsive Art quasi jeden Plan selbst und ist eigentlich für jede ihr gestellte Aufgabe zu unfähig (bis zur Mitte des Buches – obwohl hier dann einfach der Unterricht nicht mehr erwähnt wird und ihr alles zufliegt, ohne, dass sie selbst handeln muss). Wren fand ich spannend und faszinierend. Ich hätte mir gewünscht, mehr über sie als Person zu erfahren.
Die anderen Figuren waren alle recht … generisch. Von ihnen habe ich schon in „Selection“ gelesen (es sind quasi dieselben Charaktere vertreten). Mir hat es aber ganz gut gefallen, dass sie alle verschiedene kulturelle Hintergründe hatten, die man auch durchgespürt hat. Vor allem am Anfang. Bis auf Aoki sind sie aber alle ziemlich blass gewesen.

Das Setting: Definitiv ein großes Highlight des Buches, von Anfang bis Ende! Wir befinden uns in etwas, das einem asiatischen Großreich recht ähnlich ist, würde es in unserer Welt spielen. Von daher finde ich es durchaus sinnvoll, dass es so viele Hinweise auf verschiedene Kulturen gibt. Die Idee der Menschen und Dämonen fand ich auch sehr spannend. Den Hof des Königs konnte ich mir sehr gut vorstellen und war fasziniert von der Idee der verschiedenen „Gebiete“ im Hof.

Die Handlung: Jetzt kommen wir zu den größeren Knackpunkten. Der Aufhänger der Geschichte ist toll und klingt wahnsinnig vielversprechend. Der Anfang ist dann auch wirklich gut, aber die ersten Schwächen kommen recht schnell. Ich hätte mir mehr Informationen über den Unterricht der Paper Girls gewünscht. So wurden die einzelnen Unterrichtseinheiten exakt dann erwähnt, wenn man mal gerade schnell einen Plotpunkt brauchte. Auch das Magie-System (wenn es eins ist?) ist mir überhaupt nicht klar geworden, ebenso das Göttersystem. Was schade ist, weil es dazu genug Gelegenheiten gegeben hätte.
Aber das ist nicht einmal das, was mich massiv gestört hat; ungefähr ab der Hälfte wurde es einfach vorhersehbar. Es kam nichts Neues, das habe ich alles schon einmal in anderen YA-Büchern gelesen. Die Plotstruktur gängiger Genre-Romane kam so deutlich durch, dass ich vermutlich die exakten Stellen von „Wendepunkt“ und allem anderen nennen könnte. Das Ende war ehrlich gesagt fast witzig, so unglaubwürdig kam es mir vor: Die Rebellen haben seit 200 Jahren ihre Rache geplant und verlassen sich einzig und allein auf ein einziges Mädchen? Und dann wird, OH ZUFALL, die Verantwortung auf ein anderes Mädchen übertragen, das sowas von nicht in der Lage dazu ist, den Plan durchzuführen und es trotzdem irgendwie schafft?
Auch die kleineren Plottwists waren nicht vorbereitet, sondern sind mehr oder weniger aus dem Himmel gefallen.
Was mich aber sogar NOCH mehr gestört hat und was das Buch haarscharf an die 1-Sterne-Grenze getrieben hat: Die Vergewaltigung war absolut und zu 100% unnötig. Leis angeblicher Wendepunkt danach war überflüssig, weil sie schon wütend und auf Rache aus gewesen ist. Und dann wurde die Vergewaltigung nicht einmal mehr thematisiert, außer um uns daran zu erinnern, wie wütend Lei ist. Sie hat nicht darunter gelitten. Sie war davon nicht beeinflusst. Und zwei Seiten später hat sie wieder mit Wren rumgeknutscht. So funktioniert Trauma nicht – auch wenn man individuelle Ausprägungen in den Blick nimmt. Das ist nicht realistisch und das ist kein Bild, das man jungen Frauen vermitteln sollte. Ganz zu Schweigen davon, dass „Healing through Love“ was wortwörtlich passiert ist, ein absolutes No-Go ist. Allgemein und in diesem Fall besonders.

Der Schreibstil: Der Stil war soweit in Ordnung, es ließ sich recht flüssig lesen. Hin und wieder hätten es etwas weniger Adjektive sein können, das war mir etwas „too much“. Aber im Großen und Ganzen wirklich schön zu lesen.

Fazit: Das Buch hat im Ansatz so viel richtig gemacht – und ist dann an seinen eigenen Erwartungen gescheitert. Statt einer toughen Protagonistin hatten wir Lei, die alleine nichts auf die Kette bekommen hat. Dabei ist es völlig in Ordnung, Dinge gemeinsam anzugehen, Feinde gemeinsam zu besiegen. Aber ihr wurde alles vorgekaut, sie war Teil der Pläne oder sogar Objekt der Pläne, aber nicht an ihrer Entstehung beteiligt. Ohne Wren wäre sie völlig aufgeschmissen gewesen.
Eine Triggerwarnugn ist gut und schön, aber dann sollte man sie wenigstens spezifisch genug machen und „rape“ hinschreiben. Das hat mich nämlich wie aus dem Nichts getroffen. Ganz zu schweigen davon, dass eine TW nicht reicht; man muss dann auch mit dem Thema umgehen können und das habe ich hier einfach nicht gesehen. Ein paar Tage schlechte Stimmung ist mir da einfach nicht genug.

Zusammenfassung:

Cover: 4/5
Story: 2/5
Setting: 4/5
Figuren: 2/5
Liebesgeschichte: 3/5
Schreibstil: 3/5
Insgesamt: 2/5

Die Jahresprinzessin-Reihe

Klappentext (eBox): **Bist du bereit, den Preis für die Unendlichkeit zu zahlen?** 
In einem Land, in dem die Zeit für immer stillsteht, fühlt sich Marlowe oft fehl am Platz. Denn als Mensch ist sie eine der Wenigen, die im Sommerland älter wird. Genau dies macht sie zu etwas Besonderem, weshalb sie von der Königin der Ewigen zur Jahresprinzessin erwählt wird. Fortan hat Marlowe die Fähigkeit, den Fluss der Zeit zu verhindern und so die Ewigkeit zu bewahren. Doch der schöne Schein des königlichen Lebens beginnt schnell zu verblassen und Marlowe muss erkennen, dass die Ewigkeit auch ihre Schattenseiten hat. Erst die Kriegerin Charis bietet ihr einen Weg, dem Intrigenspiel der Herrschenden zu entkommen … 

Mein Leben im Regenbogen

Ich mache da nicht unbedingt ein Geheimnis draus, aber auch hier noch einmal: Ich bin lesbisch. Ist in der Regel keine große Sache, aber wusstet ihr eigentlich, dass in 15 Ländern immer noch die Todesstrafe auf Homosexualität steht? Und in noch mehr Ländern kann man dafür bestraft werden? Wenn ich in ein nicht-europäisches Land verreisen möchte, muss ich erst einmal googlen. Hätte ich eine Freundin, müssten wir gegebenenfalls verschweigen, dass wir ein Paar sind. Und auch innerhalb der EU wüsste ich nicht … würde ich in Polen Hand in Hand mit einer Frau herumlaufen? Gemessen an der aktuellen Lage dort; eher nicht.
Das ist schlimm. Das ist richtig schlimm. Und das sind nur die großen, beängstigenden Zustände.
Ich bin in einer sehr, sehr toleranten Familie aufgewachsen. In der Familie väterlicherseits gibt es ein Ü80-jähriges, lesbisches Pärchen – und dieser Familienteil ist extrem christlich. Und trotzdem, obwohl wir auch nicht-heterosexuelle Freunde haben und das nie als Problem kommuniziert wurde, habe ich über 17 Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich nicht heterosexuell bin.
Ich habe mir dann irgendwann die Frage gestellt: Warum ist das so?
Ein Blick in mein Bücherregal verriet mir einen Teil der Wahrheit. Ich habe immer schon sehr viel gelesen. Aber alle Helden und Heldinnen meiner Kindheit und Jugend waren heterosexuell (übrigens immer noch …).
Da ist mir klar geworden: Das will ich so nicht. Ich will nicht, dass Kinder und Jugendliche in einer zum Glück toleranter werdenden Welt aufwachsen, aber trotzdem nicht beigebracht bekommen, dass sie unabhängig von ihrer Sexualität die Welt retten und Feuerblitze schleudern können.

Eine glückliche Autorin erscheint!

„Sag mal … geht das?“

Das war die Frage, die ich meiner Lektorin auf der LBM stellte, in Bezug auf romantische Fantasy mit zwei Frauen. Ich war super nervös, als ich diese Frage stellte und hatte etwas Angst vor der Antwort.
Hätte ich nicht haben müssen.
„Klar geht das. Solange die Geschichte überzeugt … Worum soll es denn gehen?“
Also habe ich ihr von meiner Idee erzählt: Eine von der Avalon-Saga inspirierte Geschichte, in der es um ein Mädchen geht, das zur Prinzessin gekürt wird – und die dafür einen hohen Preis zahlen muss. Der erste Band hatte sich wie von selbst geschrieben, aber ich habe ihn dann eine Weile unterbrochen, weil Impress zuerst Engelsschatten veröffentlichen wollte.
Aber auf der FBM 2019 kam dann die Zusage für „Die Jahresprinzessin“. Da war mir schon klar, dass es zwei Bände werden würden (wenngleich ich eigentlich eher eine Trilogie gebraucht hätte, aber das ergab sich erst beim Schreiben des zweiten Bandes) und zum Glück hat Impress das genauso gesehen.
Dann hieß es: schreiben, schreiben, schreiben! Der erste Band ging mir glatt von der Hand, aber beim zweiten hieß es dann: Wir müssen deine Deadline verkürzen. Aus 3 Monaten wurden 6 Wochen. Jetzt weiß ich: Das hätte ich niemals zulassen dürfen und meine Betreuerin sieht das glücklicherweise genauso.
Mit viel Hilfe und Unterstützung meiner Lektorin, habe ich es aber irgendwie geschafft, Band 2 pünktlich abzugeben. Erschwerend zu der Deadline kam hinzu, dass ich beim Schreiben große Probleme mit dem Plot hatte. Irgendetwas ist beim Planen schief gelaufen und der Spannungsbogen war vollkommen durcheinander. Also musste ich alles umstellen. Und dann später noch einmal alles umstellen. Und fünf Szenen komplett rauswerfen. Inklusive eines Plottwists. Das war hart, das waren schwere Entscheidungen, aber ich hatte auch nur eine begrenzte Seitenanzahl und musste das tun, was am besten für mein Buch war (wir haben die Seitenanzahl trotzdem total überzogen …).

Ein schwieriges Buch …

Sozusagen ein Fazit …

Mit „Die Jahresprinzessin“ wollte ich einen Beitrag leisten, die Buchwelt bunter zu machen. Jungen Menschen zu zeigen, dass heterosexuell sein keine „default Einstellung“ sein muss.
Ein weiteres, wichtiges Thema, das ich mit dieser Reihe aufgreifen wollte, war: sexuelle Übergriffe. Ich habe sehr lange mit mir gerungen, ob ich das wirklich in ein Jugendbuch einbringen wollte. Aber sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt macht vor keiner Altersgruppe halt – so grauenvoll das auch ist. Ich wollte aber zeigen, dass man so eine Erfahrung trotzdem überwinden kann. Dass die Welt nicht endet, auch wenn es sich so anfühlt.
Der Weg dieses Buches, und ein Stück weit auch mein Weg, war nicht einfach. Gar nicht. Aber wenn ich jetzt meine Bücher im Regal sehe, bin ich stolz. Auf mich und auf alle, die vor mir dafür gekämpft haben, dass ich diese Bücher überhaupt veröffentlichen darf.

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